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Twint, Apple Pay und Samsung Pay: mobiles Bezahlen mit Kinderkrankheiten

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Zahlen Sie bar oder mit Kreditkarte? Die Antwort ist: mit Bezahl-Apps. Bild: iStock.com/Panya_sealim

Zahlen mit dem Handy: Bargeld und Karten können in der Tasche bleiben. Das tönt bequem. Durchgesetzt hat es sich noch nicht. Denn keines der aktuellen Systeme überzeugt rundum – auch die grossen haben ihre Kinderkrankheiten. 

Twint, Apple Pay und Samsung Pay – diese drei Namen kennt man in der Schweiz, wenn es um mobiles Bezahlen geht. Was bieten die Systeme? Wo liegen die Vorzüge und die Nachteile? Und, vor allem: Lohnt sich mobiles Zahlen für Sie? Sprich: Wird Ihr Leben im Alltag ein wenig einfacher und bequemer?

Wir haben die drei grossen Anbieter einmal genauer unter die Lupe genommen:

Twint

Marktführer für mobiles Zahlen in der Schweiz ist Twint mit einem Anteil von 40 Prozent. An der Benutzerfreundlichkeit kann das nicht liegen. Erst die App starten – sie muss aktiv sein und im Vordergrund. Dann Bluetooth einschalten. Dann das Handy an den Beacon halten. (Das ist die Zahlstation von Twint, oft ein zusätzlicher Knopf neben dem Kartenleser.) Wenn kein Beacon im Laden steht, stattdessen einen QR-Code vom Zahlungsterminal scannen.

Twint empfiehlt aus Sicherheitsgründen, Bluetooth nur für die Zahlung jeweils einzeln zu aktivieren. Je nachdem, was Sie sonst mit Ihrem Handy tun, ist das einfach ein unpraktischer Handgriff zu viel. Oder schlicht nicht machbar: Wie wollen Sie ohne Bluetooth drahtlos Musik hören? Oder Ihre Smartwatch synchronisieren?

Twint ist ein Kind der Schweizer Banken. Ursprünglich gegründet von PostFinance, später fusioniert mit dem Konkurrenzsystem Paymit. Seitdem ist auch die UBS im Unterstützerteam. Heute, im Jahr 2018, sind fast alle Banken dabei. Wer in der Schweiz ein Konto hat, der kann also mit Twint mobil zahlen. Selbst wenn er (noch) keine Kreditkarte hat – wie viele Jugendliche. Aber nur in der Schweiz. Im Ausland funktioniert Twint nicht. Und in der Schweiz in sehr vielen Geschäften auch nicht.

Wo Twint funktioniert, dort bietet es ausser der Zahlung auch praktische Extras. Viele Kundenkarten können Sie direkt in der App hinterlegen. Bei Coop sammeln Sie automatisch Superpunkte – ohne eine einzige Karte zu zeigen.

An der Ladenkasse ist Twint nicht die beste Lösung. Bei Onlinezahlungen hingegen macht Twint das Zahlen bequem. Einfach mit dem Handy einen Code scannen – das geht schneller als Kartennummern eintippen. Die Zahlung erfolgt direkt ab dem Bankkonto. So sparen Sie sich allfällige Aufschläge für die Kreditkartenzahlung.

Apple Pay

Mit 33 Prozent am mobilen Zahlungsmarkt ist Apple Pay die Nummer Zwei. An der Ladenkasse ist das System fürs iPhone unschlagbar schnell: Handy mit Fingerabdruck entsperren, ans Zahlungsterminal halten – und bezahlt ist. Sie müssen nicht einmal eine App öffnen.

Das funktioniert mit der Nahfunktechnik NFC. Die gibt es inzwischen an fast jeder Ladenkasse. Und zwar überall dort, wo sie die vier kleinen Wellen sehen – und wo Sie auch mit den modernen kontaktlosen Karten zahlen können.

So ist man das von Apple gewohnt: Hardware und Software spielen zusammen. Es funktioniert einfach – man muss nicht überlegen, wie. Vorausgesetzt, dass es überhaupt funktioniert.

Hinter Apple Pay steht als Zahlungsmittel nämlich immer eine Kreditkarte. Das Geld ist nicht auf dem Handy, es wird in Echtzeit von der Kreditkarte abgebucht. Apple Pay funktioniert darum weltweit – wie die Kreditkarten im Hintergrund.

Doch die meisten Schweizer Banken stellen sich quer. Die Kreditkarten der meisten grossen Institute und die Karten von Coop und Migros unterstützen Apple Pay nicht.

Wenn Sie das bequeme System nutzen wollen, brauchen Sie eine passende Kreditkarte. Das sind derzeit nur wenige. Entweder, Sie haben zufällig bereits eine von denen. Oder Sie machen sich die Mühe, extra für Apple Pay eine neue Karte zu bestellen.

Für Apple Pay gibt es derzeit keine Gratis-Karte. Ob Prepaid-Guthabenkarte oder echte Kreditkarte auf Monatsrechnung: Die meisten Karten kosten eine Jahresgebühr. Bis auf die Prepaid-Mastercard von Swiss Bankers Travel Cash – dort allerdings zahlen Sie pro Transaktion und für die Aufladung.

Apple Pay funktioniert nicht nur an der Ladenkasse bequem und einfach, sondern auch beim Online-Einkauf. Apple Pay ist in vielen iOS-Apps von Online-Händlern eingebaut. In Apples eigenem Browser Safari sind die Zahlungsdaten so hinterlegt, dass Sie Apple Pay auch auf Websites nutzen können.

Samsung Pay

2017 erst frisch gestartet ist Samsung Pay. Bei den Messungen zum Marktanteil taucht es daher noch kaum auf. Samsungs System kann an der Ladenkasse alles, was Apple Pay auch kann. Genauso schnell, genauso sicher, genauso bequem per NFC.

Zusätzlich kann Samsung Pay auch per MST zahlen. Magnetic Secure Transmission spiegelt dem Kartenleser einen traditionellen Magnetstreifen vor. In der Schweiz ist das unwichtig. Aber im Ausland interessant: Vor allem in den USA gibt es noch viele der alten Magnetleser.

Bei den Nachteilen sind sich Samsung Pay und Apple Pay ebenfalls ähnlich. Die meisten Schweizer Kreditkarten unterstützen auch die Zahlungslösung von Samsung nicht.

Belagerung im Mobilmarkt

Wer beim mobilen Zahlen derzeit den grössten Marktanteil hat, das ist eigentlich unwichtig. Der Markt im Ganzen ist nämlich noch winzig. Alles in allem werden mit dem Handy weniger als ein Prozent aller Zahlungen ausgelöst. Da gibt es noch viel Raum für Wachstum – das Spiel hat noch nicht einmal begonnen.

Twint selber schwärmt von grossen Nutzerzahlen. Das stimmt, wenn man die Downloads der App zählt. Wirklich zum Zahlen benutzt wird die App von ihren vielen Usern allerdings eher selten. Twint pusht die Nutzung darum regelmässig mit Gewinnspielen. Die Gründer-Banken blockieren Apple und Samsung bei den Kreditkarten.

Im Gegenzug sperrt Apple die NFC-Schnittstelle für fremde Zahl-Apps – also auch für Twint. Mit NFC wäre Twint nämlich genauso bequem wie Apple Pay. Gegen Apple und für die Freigabe der NFC-Schnittstelle klagt derzeit die Stiftung Konsumentenschutz. 

Doch mit der Karte zahlen?

Die mobilen Systeme belagern sich gegenseitig. In der Zwischenzeit gewinnt ein System, das fast schon traditionell wirkt: Contactless auf der Karte. Seit 2010 rüsten Händler ihre Zahlungsterminals dafür aus. Seit 2016 tragen fast alle Bankkarten einen passenden Chip.

Auch das ist bequem. Und es hat Erfolg: Von den Kartentransaktionen werden inzwischen fast 25 Prozent kontaktlos abgewickelt. Das sind 25-mal mehr als der gesamte Markt für Mobile Payments.

Digitale Kopie der Karte

Auf den Geräten von Apple ist NFC für fremde Apps gesperrt. Auf Android-Geräten hingegen dürfen sie die Schnittstelle frei benutzen. Mit geeigneten Apps für Android können Sie einfach eine Kopie Ihrer Karte auf dem Smartphone ablegen. Und zwar auf Handys aller Marken, nicht nur denen von Samsung.

So eine digitale Kopie bietet zum Beispiel die Postfinance in ihrer App. Dort aktivieren Sie ein einziges Mal die gelbe Karte für die Nutzung am Handy. Anschliessend zahlen Sie bequem per NFC. Die Karte bleibt in der Tasche.

Eigene Apps der Händler

73 Prozent bei Twint und Apple – wer macht im mobilen Zahlungsmarkt die anderen 27 Prozent? Das sind die eigenen Apps der Händler. Zu den grossen Playern gehört die SBB. Sie kassiert mobil. Anschliessend liefert sie auch mobil das Billett aufs Handy. Eigene Apps haben auch die Grossverteiler Coop und Migros.

Google in den Startlöchern

Noch ganz am Anfang steht Google Pay. Erst im Januar 2018 hat Google die separaten Dienste Android Pay und Google Wallet zusammengelegt. Bei den Android-Geräten von anderen Herstellern als Samsung ist es bereits heute auf der NFC-Schnittstelle als Standard für «Tippen & Bezahlen» hinterlegt. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Google nach seinem Anteil des Marktes greift.

Wollen Sie heute schon mobil zahlen?

Zahlen mit dem Handy hat Kinderkrankheiten. Keines der Systeme überzeugt zu 100 Prozent. Die Stärken und Schwächen sind allerdings sehr unterschiedlich. Vielleicht ist ja für Sie schon heute eine der Lösungen genau die richtige?

Apple Pay und Samsung Pay funktionieren beim Bezahlen, wie sie sollen: benutzerfreundlich und weltweit. Aber nur, wenn man die passende Kreditkarte hat. Und für so eine Karte auch eine Gebühr bezahlt: Bei beiden Systemen funktioniert keine der Gratiskarten.

Twint macht mobiles Zahlen auch ganz ohne Kreditkarte möglich. Das ist praktisch für alle, die keine haben. Allerdings funktioniert Twint nur in der Schweiz – und das auch nicht in allen Läden. Ausserdem muss man auf das praktische NFC verzichten. Also am besten noch während des Anstehens in der Schlange die App starten und Bluetooth aktivieren.

So lange sich die mobilen Systeme gegenseitig blockieren, bleibt noch viel Raum für Überraschungen. Zum Beispiel für gute Alternativen in den Nischen – wie die Lösung von Postfinance für Android. Oder für neue Player, die jetzt erst auf den Markt kommen.