2 bis 3 Prozent höhere Prämien für die Grundversicherung

Krankenkassen-Prämienprognose 2020 von comparis.ch


Comparis-Krankenkassen-Experte Felix Schneuwly prognostiziert für 2020 einen Anstieg der Grundversicherungsprämien von 2 bis 3 Prozent. Laut dem Online-Vergleichsdienst treiben nach wie vor primär die konsumierten Mengen der medizinischen Leistungen die Kosten und Prämien in die Höhe – und nicht die Preise. 

Zürich, 11. Juni 2019 – Im ersten Quartal 2019 sind die Brutto-Krankenversicherungskosten laut dem Monitoring der Krankenversicherungskostenentwicklung (MOKKE)* des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) um 6 Prozent gestiegen. Im ersten Quartal 2018 hatten die Kosten noch 4,5 Prozent abgenommen. «Das zeigt: Die Preis- und Tarifsenkungen verpuffen angesichts des Mengenwachstums medizinischer Leistungen rasch», sagt Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte beim Online-Vergleichsdienst comparis.ch.

Ohne die Rechnungen für Behandlungen des Vorjahres beträgt laut Schneuwly der Anstieg sogar 15,4 Prozent. Auf das ganze Jahr hochgerechnet dürften somit die Behandlungskosten auf rund 4’000 Franken pro versicherte Person ansteigen. Comparis rechnet für das kommende Jahr deshalb mit einem Anstieg der Grundversicherungsprämien um 2 bis 3 Prozent. Das ist für Erwachsene im Durchschnitt ein Prämienanstieg von 372 auf 383 Franken pro Monat bzw. 134 Franken mehr pro Jahr. Das erwartete Kostenwachstum dürfte laut Schneuwly etwas unter dem durchschnittlichen Anstieg der Gesundheitskosten in den letzten Jahren zu liegen kommen.

Bundesrat Bersets Tarmed-Eingriffe sind an der Kostenfront verpufft

Das grösste Problem sieht Schneuwly bei den ambulanten ärztlichen Abrechnungen (Tarmed). Im ersten Quartal 2019 sind die mit Tarmed abgerechneten Leistungen in den Arztpraxen im Vergleich zum Vorjahr um 4,4 Prozent und in den Spitalambulatorien sogar um 17,7 Prozent gestiegen.

«Der Tarmed-Dschungel lässt den Ärzten und Spitälern genug Spielraum. So können sie die besseren Tarifpositionen bei der Fakturierung nutzen und die schlechteren vermeiden», kritisiert der Comparis-Experte. Der Grund: Die Kassen könnten nicht kontrollieren, ob die Tarifpositionen auf den Rechnungen tatsächlich den erbrachten Leistungen entsprechen. «Der Tarmed muss so rasch wie möglich mit einem einfachen Stundentarif sowie mit Pauschalen ersetzt werden», fordert deshalb Schneuwly.

Handlungsbedarf bei den neuen, teuren Medikamenten

Ein ähnlich verpuffter Kostensenkungseffekt ist laut dem Experten auch bei den Medikamenten zu beobachten: Die Preissenkungen führen nach seinen Beobachtungen zu einem kleineren Spareffekt als die jährlichen Mehrausgaben durch teure Medikamente. Laut einer Erhebung von Comparis** wird bereits jeder fünfte Franken gegen Krebs für Medikamente ausgegeben, die von Swissmedic noch nicht zugelassen oder vom BAG noch nicht auf die Spezialitätenliste der kassenpflichtigen Medikamente gesetzt worden sind. Comparis schätzt das Gesamtvolumen solcher innovativen Gen-Therapien auf aktuell 207 Millionen Franken mit deutlich steigender Tendenz. 

Krankenkassen-Experte Schneuwly fordert deshalb: «Der Systemwechsel von der Abgeltung erbrachter Leistungen zur Vergütung des Therapieerfolgs muss bei den neuen, sehr teuren Gen-Therapien beginnen.» Die Pharmaindustrie sei dazu bereit. Doch stellten sich die Krankenkassen quer gegenüber neuen Finanzierungsformen. Bei den etablierten Medikamenten wiederum führen laut dem Experten die regelmässigen Senkungen der Fabrikabgabepreise bedingt durch die nicht mehr zeitgemässe Margenordnung zu Umsatzeinbussen bei den Apothekern von minus 4,1 Prozent im ersten Quartal 2019.

Trotz sinkender Preise und Margen steigerten die selbstdispensierenden Ärzte ihren Umsatz im ersten Quartal 2019 um 4,3 Prozent. «Der Vergleich mit den Apothekern zeigt, dass die Ärzte sowohl Tarifsenkungen als auch Preissenkungen bei Medikamenten mit mehr Konsultationen und mehr verkauften Medikamenten kompensieren», beobachtet Schneuwly.

Pflegekosten sind ausserhalb der Krankenversicherung stark wachsend

Die Pflegekosten beeinflussen die Krankenkassenprämien zwar nur wenig. Denn der Anteil zu Lasten der Grundversicherung ist begrenzt. Im ersten Quartal 2019 betrug der Zuwachs der Spitex-Leistungen 2,3 Prozent (erstes Quartal 2018: plus 3,2 Prozent). Die Pflegeheimleistungen sanken um 0,3 Prozent (erstes Quartal 2018: minus 2,4 Prozent). Laut einer Studie von Avenir Suisse*** werden allerdings die öffentlichen Ausgaben für die Langzeitpflege von 1,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts im Jahr 2013 auf 2,3 Prozent im Jahr 2030 steigen.

Die stark steigenden Pflegekosten werden primär von den pflegebedürftigen Personen sowie von den Kantonen und Gemeinden via Steuern bezahlt. Nun fordern die Kantone im Rahmen der einheitlichen Finanzierung stationärer und ambulanter Leistungen (EFAS) gemäss Krankenversicherungsgesetz (KVG) auch den Einbezug des gesamten Pflegebereiches. Comparis-Krankenkassen-Experte Felix Schneuwly sieht hier zwei Lösungswege: «Einerseits sollte man die rein medizinischen Pflegeleistungen in EFAS integrieren. Anderseits sollten die Betreuungs- und Beherbergungsleistungen in eine Pflegeversicherung ausgelagert werden.»

Trendwende bei den stationären Spitalleistungen

Einzig bei den stationären Spitalleistungen beobachtet Schneuwly eine Trendwende an der Kostenfront. Nach dem Negativwachstum von minus 7,2 Prozent im ersten Quartal 2018 nahmen die Kosten im ersten Quartal 2019 auf plus 7,6 Prozent zu. Das entspricht unter dem Strich einem Plus von 0,4 Prozentpunkten. «Die 2012 eingeführte Spitalfinanzierung mit den Fallpauschalen und die von Bund und Kantonen mit Listen verstärkte Verlagerung bestimmter Operationen von stationär zu ambulant zeigen nachhaltige Wirkung», ist Schneuwly überzeugt. Trotzdem ist nach Ansicht des Experten eine einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen unabdingbar. «Man sollte mit dem Akutbereich möglichst rasch beginnen, Erfahrungen zu sammeln. Später kann man entscheiden, ob und wie die Langzeitpflege einheitlich finanziert wird. Denkbar wäre auch, die Alterspflege in die Altersvorsorge zu integrieren», so Schneuwly.

 

Grundlagen:
* Monitoring der Krankenversicherungs-Kostenentwicklung (MOKKE): https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/zahlen-und-statistiken/statistiken-zur-krankenversicherung/monitoring-zur-krankenkassenkostenentwicklung.html
** Comparis-Analyse zu teuren Therapien: https://www.comparis.ch/comparis/press/medienmitteilungen/artikel/2019/krankenkasse/therapien/innovative-medikamente
***Avenir Suisse: «Neue Massstäbe für die Alterspflege» https://www.avenir-suisse.ch/publication/neue-massstabe-fur-die-alterspflege/

  

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