Schwangerschaft & Geburt

Spontangeburt oder Kaiserschnitt – eine Frage der Überzeugung

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In der Schweiz kommt jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Bild: iStock
Gemäss der letzten Erhebung des Bundesamts für Statistik (2015, Anteil der Entbindungen per Kaiserschnitt) kommt in der Schweiz jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. So wie die Kaiserschnittzahlen steigen, so wächst auch die Zahl der Gegner – das Thema polarisiert.  

Steiss-, Quer- oder Schräglage des Kindes, Mehrlingsgeburt, eine Placenta praevia, Diabetes oder Bluthochdruck der Mutter. Wo vor einigen Jahrzehnten der Kaiserschnitt (Sectio) nur bei entsprechenden Risikofaktoren angewendet wurde, ist er heute eine vielgewählte Alternative. Es wird von einem primären Kaiserschnitt gesprochen, wenn dieser aufgrund von obengenannten Risikofaktoren zum Einsatz kommt. Der sekundäre Kaiserschnitt hingegen ist eine Notoperation bei Geburtskomplikationen.

Fakt ist, keine Geburt ist gänzlich vorhersehbar – sie kann immer anders verlaufen als erwartet. Bestimmte Risiken können sich schon vor der Geburt abzeichnen, manche Probleme treten erst unter der Geburt auf.

Mehr als eine bequemere Geburtsvariante

Da der primäre Kaiserschnitt vermehrt auch ohne zwingende medizinische Notwendigkeit geplant wird (Wunschkaiserschnitt), haftet ihm heute das Image einer «bequemeren Geburtsvariante» an. Doch egoistische Motive sind kaum Beweggründe. Denn auch wenn die Planbarkeit ein Vorteil darstellen kann, sind es nicht selten Unsicherheit und die Ängste vor einer natürlichen Geburt und deren Folgen, welche die Entscheidung einer werdenden Mutter massgeblich beeinflussen.

Obwohl mit einem Kaiserschnitt die körperlichen Folgen einer Geburt für die Mutter eingedämmt werden können, handelt es sich gleichwohl um eine Operation, welche ebenfalls entsprechende Risiken birgt. Eine unangenehme Begleiterscheinung der Kaiserschnittoperation sind Schmerzen nach der Geburt. In der Regel verläuft die Schnittentbindung aufgrund der Betäubung zwar schmerzfrei, doch kann der Wundschmerz nach dem Eingriff die Mutter in den ersten Wochen noch stark beeinträchtigen. Die modernen Techniken und der hohe Hygienestandard haben den Kaiserschnitt aber zu einem relativ problemlosen Routineeingriff werden lassen. Mit der Operation selbst können dennoch folgende Risiken verbunden sein:

• Komplikationen durch Narkosemittel
• Infektionsrisiko
• Gewebeverletzungen
• Wundheilungsstörungen
• Thromboserisiko

Die Risiken des Kaiserschnitts für das Kind gelten im Vergleich zu denen für die Mutter als gering – gelegentlich wird das Kind verletzt. Es kann zu kleinen Schnitten oder Abschürfungen kommen, die allerdings in den allermeisten Fällen gut verheilen.

Das Geburtserlebnis ist zentral 

Studien zeigen auf, dass sich eine Spontangeburt positiv auf die Mutter-Kind-Bindung auswirkt. Für die Mutter kann das sogenannte Geburtserlebnis als Abschluss der Schwangerschaft von grosser Bedeutung sein. Bestehen Risiken in der Schwangerschaft, die eine normale Geburt erschweren können, wird die Frauenärztin, der Frauenarzt oder die Hebamme mit den Eltern besprechen, welche Art und welcher Ort der Geburt für Mutter und Kind am besten geeignet sind.


Zu den häufigsten Schwierigkeiten einer Spontangeburt gehören gemäss Experten:

• Der Muttermund öffnet sich nicht
• Das Köpfchen des Kindes dreht sich nicht richtig ins mütterliche Becken
• Die Wehen sind unregelmässig oder werden schwächer 
• Die Herztöne des Kindes verschlechtern sich

Durch eine fortwährende Betreuung während der Geburt können diese Probleme meist rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Ob natürliche Geburt oder Kaiserschnitt, am Ende stehen zwei Optionen zur Verfügung – die richtige Wahl muss jede Mutter selbst treffen.  

Anteil der Entbindungen per Kaiserschnitt, in Prozent (2015):
Zahlen vom Bundesamt für Statistik (BFS)

Hebamme Barbara Stocker Kalberer, Präsidentin Schweizerischer Hebammenverband, sagt im Interview mit Comparis, warum eine Geburt «kein Spaziergang und kein Wellness-Event» ist.


Frau Stocker Kalberer, oft wählen schwangere Frauen aus Angst vor Schmerzen eine geplante Kaiserschnittgeburt. Ist eine solche Geburt wirklich leichter zu ertragen?
Barbara Stocker Kalberer: Ein Kaiserschnitt ist eine Operation im Operationssaal mit allem was dazugehört. Viele Frauen sind nervös und ängstlich und bangen dem Eingriff entgegen. Das Unbekannte und die Unplanbarkeit einer Geburt macht manchmal mehr Angst, als der bevorstehende Schmerz. Wann geht es los? Wo geht es los? Ist mein Partner dann erreichbar? Was, wenn wir es nicht schaffen, rechtzeitig ins Spital zu fahren? Das alles sind Fragen, die Frauen und Paare vor einer Geburt beschäftigen. Bei einem geplanten Kaiserschnitt hat man diese Unsicherheitsfaktoren vermeintlich weniger. Aus Untersuchungen weiss man, dass Frauen mit einem geplanten Kaiserschnitt besser umgehen können und diesen besser tolerieren als einen Notfall-Kaiserschnitt.

Und wie ist es nach der Geburt?
Häufig sind Frauen überrascht über die Schmerzen nach einem Kaiserschnitt und darüber, dass sie eingeschränkt sind bei der Versorgung des Neugeborenen – und, dass das Stillen mit einer Bauchnaht sehr mühsam sein kann. Andere hingegen sind relativ schnell wieder fit, schmerzfrei und auf den Beinen. Das Erleben eines geplanten Kaiserschnittes ist individuell sehr unterschiedlich.

Wie kann die natürliche Geburt möglichst schmerzarm gestaltet werden?

Eine Geburt ist kein Spaziergang und kein Wellness-Event. Sie ist eine grosse körperliche und mentale Leistung einer Frau, vergleichbar mit einer langen Bergtour. Man tritt diese Bergtour mit guter Ausrüstung und Proviant an, ebenso mit einer Hebamme als Tourenführerin. Eine mentale Vorbereitung auf das, was da kommt, ist sehr wichtig. Den Weg gehen muss man schliesslich selber. Manchmal muss man abbrechen, weil die Kräfte nicht reichen oder sich Komplikationen einstellen. Nicht jede Frau empfindet die Schmerzen gleich schlimm. Einige Frauen sind schon sehr früh mit ihren Kräften am Ende, andere hingegen gehen ihren Weg, atmen in den Wehen, gewinnen Energie in den Pausen.

Und welche Mittel helfen während der Geburt?

Es gibt natürliche Mittel, wie Aroma-Essenzen, Bäder, Hypnose, Massage, Akupunktur, Bewegung oder Homöopathie, um die Entspannung in den Wehenpausen zu unterstützen. Bei der Geburt sind die Pausen entscheidend. Die meisten Frauen erleben beim Gebären irgendwann eine Krise und wollen abbrechen. In diesem Moment ist nicht bloss die Unterstützung durch die Hebamme, sondern auch durch den Partner oder durch eine andere Bezugsperson sehr wichtig. Ist diese Krise einmal überwunden, steht die Geburt des Kindes meistens sehr bald bevor. Reichen die natürlichen Mittel und Methoden der Geburtsbegleitung nicht aus, stehen medikamentöse Mittel zur Verfügung, um das Schmerzempfinden zu dämpfen. Mittel der Wahl ist für viele Frauen die Periduralanästhesie, welche einen Schmerzblock setzt, idealerweise dabei die Motorik nicht behindert, sodass die Frau trotzdem noch aufstehen kann.

Wann raten Sie im Vorfeld von einer natürlichen Geburt ab?

Es gibt einige ernsthafte mütterliche oder kindliche Erkrankungen, die einen Kaiserschnitt nötig machen. Ebenfalls werden Drillinge und Mehrlinge immer per Sectio geboren. Bei Zwillingen kommt es darauf an, wie die Kinder im Bauch liegen. Auch bei Einlingen gibt es sogenannte Lageanomalien (z.B. die Querlage), die eine vaginale Geburt unmöglich machen. Wird das Kind per Ultraschall oder Abtasten des Bauches sehr schwer geschätzt – mehr als 4500 Gramm, wird häufig auch ein Kaiserschnitt empfohlen.

Kaiserschnitt oder natürliche Geburt, was ist mit mehr Risiken verbunden?

Studien zeigen, dass beim Kaiserschnitt die Mortalitäts- und Morbiditätsraten für Mutter und Kind (Verletzungsrate und Sterberaten) höher sind als bei der vaginalen Geburt. Zurzeit wird intensiv daran geforscht, weshalb Kinder nach Kaiserschnitt häufiger an Asthma und Allergien erkranken, mehr Diabetes und Darmerkrankungen haben und häufiger adipös sind. Diese Zusammenhänge wird man hoffentlich bald besser verstehen und einordnen können.

Und ab wann ist ein Notfall-Kaiserschnitt nötig?

Es gibt Situationen unter der Geburt, die sowohl für die Mutter wie auch für das Kind lebensbedrohend sind. Beim Kind zeigt sich dies meistens am Verlauf der Herztonkurve. Bei der Mutter sind es starke Blutungen, die gefährlich sind. In der Schweiz werden Gebärende kontinuierlich von der Hebamme begleitet. Hebammen sind geschult, Warnzeichen zu erkennen und rechtzeitig zu handeln. Deshalb sind bei uns im Vergleich zu Drittweltländern die Sterberaten von Mutter und Kind extrem tief.