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Antidepressiva: Wirkungsweise und Tücken

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Antidepressiva: Segen und Fluch zugleich? Bild: iStock / fizkes

Die Depression gilt als eine der häufigsten psychischen Störungen. Rund 20 Prozent aller Menschen sind laut Obsan (Schweizerisches Gesundheitsobservatorium) irgendwann einmal im Leben von ihr betroffen. Mittlere bis schwere Formen benötigen neben der psychotherapeutischen Therapie die unterstützende Wirkung von Antidepressiva. Doch wie wirken sie und warum sind sie umstritten?

Bei der Behandlung von Depressionen sind Antidepressiva neben der Psychotherapie ein wichtiger Faktor. Sie zielen darauf ab, starke Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Unruhe und weitere Symptome einer Depression zu bekämpfen und Betroffenen zu helfen, zurück in einen normalen Alltag zu finden. Fast ein Zehntel der Schweizer hat im Jahr 2016 Antidepressiva eingenommen.

Wie wirken Antidepressiva?

Es gibt eine Reihe von Antidepressiva, die in der Medizin eingesetzt werden. Etabliert hat sich die Wirkstoffgruppe SSRI – die selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Es wirkt gezielt und ist besser verträglich als seine Vorgänger. Ob und wie gut Antidepressiva wirken, ist jedoch individuell verschieden. Erfahrungen haben gezeigt, dass Betroffene mit mittleren bis schweren Depressionen am ehesten von der Wirkung profitieren. Doch oft müssen erst verschiedene Präparate getestet werden, bis sich ein Erfolg einstellt.

Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der viele Prozesse im Körper beeinflusst, so z.B. Körpertemperatur, Appetit, Emotionen, zentrale Belohnungssystem, Stimmung, Schlaf-Wach-Rhythmus und Schmerzbewertung. Ebenso gibt er Informationen von einer Nervenzelle zur anderen weiter. Man geht davon aus, dass eine verminderte Konzentration von Serotonin für eine Depression verantwortlich sein kann. Daher wird Serotonin auch als «Glückshormon» bezeichnet. Antidepressiva wie SSRI erhöhen die Konzentration von Serotonin im Gehirn und wirken so stimmungsaufhellend.

Bei der Einnahme von Antidepressiva ist zu beachten, dass die Wirkung nicht unmittelbar, wie bei einer Kopfschmerztablette, einsetzt. Erste Zeichen einer Besserung und ein Abklingen depressiver Symptome können meist erst nach mehreren Wochen erkennbar sein.

Die Tücken von Antidepressiva

Laut Depressionsspezialist Daniel Hell verschreiben Ärzte zu leichtfertig Antidepressiva, obwohl dies gar nicht nötig wäre. Gleichzeitig würden sie bei schweren Depressionen zu selten eingesetzt. Kritiker befürchten, dass das Know-how von Hausärzten nicht ausreichen könnte, um eine Depression eindeutig zu diagnostizieren.

Weitere Tücken:

  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, vor allem bei älteren Menschen.
  • Teils schwere Nebenwirkungen. Dazu zählt auch ein erhöhtes Suizidrisiko: Während die antidepressive Wirkung des Medikaments oft erst nach Wochen einsetzt, schenkt es dem Betroffenen dennoch bereits viel früher Energie. Hat dieser in der Vergangenheit Pläne geschmiedet, könnte er diese in seinem depressiv-aktiven Zustand in die Tat umsetzen.
  • Nur rund 60 Prozent der Patienten sprechen auf Medikamente an.

Hinzu kommt, dass nach dem Absetzen der Antidepressiva Symptome auftreten können. Lesen Sie dazu mehr im Abschnitt «Antidepressiva absetzen».

Fazit: Antidepressiva können weder als Wundermittel, noch als unwirksam bezeichnet werden – schliesslich ist ihre Wirkung bei mittelschweren bis schweren Depressionen belegt.

Antidepressiva absetzen

War die Behandlung der Depression mit der unterstützenden Wirkung von Antidepressiva erfolgreich, sollten das Medikament noch circa ein halbes Jahr weiterhin eingenommen werden. Grundsätzlich gilt: Je länger die Behandlung mit Antidepressiva erfolgt ist, desto länger der Zeitraum des Ausschleichens.

Werden Antidepressiva schliesslich vollständig abgesetzt, können unangenehme Symptome auftreten: grippeähnliche Beschwerden, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Unruhe, Beschwerden mit Magen und Darm oder Gefühlsstörungen. Um Symptome wie diese möglichst ganz zu vermeiden, sollte das Absetzen langsam und nie ohne ärztliche Begleitung erfolgen.

Übernimmt die Krankenkasse Psychotherapie und Antidepressiva?

Die obligatorische Grundversicherung übernimmt die Kosten der Medikamente, die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf die Spezialitätenliste gesetzt wurden – darunter auch Antidepressiva.

Auch für die ärztliche Psychotherapie müssen Sie nicht selbst aufkommen. Voraussetzung ist, dass die Methoden der Therapie wissenschaftlich belegt sind. Zudem werden höchstens 40 Abklärungs- und Therapiesitzungen übernommen. Sind mehr als 40 Sitzungen nötig, muss der behandelnde Arzt dem Vertrauensarzt der Krankenkasse einen begründeten Vorschlag über die Fortsetzung der Therapie vorschlagen.

Möchten Sie sich durch nichtärztliche Psychotherapeuten behandeln lassen, benötigen sie eine ambulante Zusatzversicherung – ausser die Behandlung findet unter ärztlicher Aufsicht in einer Praxis eines in Psychotherapie weitergebildeten Facharztes (ärztlich delegierte Psychotherapie) statt.

Kleiner Einblick in die Historie von Antidepressiva

Haben Sie gewusst, dass eines der ersten Antidepressiva im Jahr 1956 vom Schweizer Psychiater Roland Kuhn entdeckt wurde? Und das aus Zufall, denn: Er testete einen neuen Wirkstoff, der bei seinen an Schizophrenie erkrankten Patienten nicht anschlug. Jedoch hellte sich die Stimmung bei den Patienten auf, die ebenfalls depressiv waren.

 

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