Gesundheit & Prävention

Organspende in der Schweiz: Wer nicht will, müsste es künftig klar kommunizieren

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Organspende – Ja oder Nein? Sie entscheiden selbst, was mit Ihren Organen nach dem Tod passiert. Bild: iStock.com / DieterMeyrl

Jährlich sterben in der Schweiz rund 100 Menschen, weil es zu wenig Organspender gibt. Das müsste nicht sein. comparis.ch zeigt Wissenswertes zum Thema.  

Rund 1’400 Menschen warten aktuell in der Schweiz auf ein neues Organ. Doch weil es zu wenige Organspender gibt, sterben hierzulande jedes Jahr rund 100 Menschen. Das müsste nicht sein. Eine repräsentative Umfrage von Market Agent im Auftrag von comparis.ch zeigt: Im Grundsatz sind die Schweizerinnen und Schweizer offen für das Thema Organspende. 60 Prozent der Befragten sind der Meinung: Nicht nur Personen, die einen Organspende-Ausweis besitzen, sollten für eine Organspende infrage kommen.

63 Prozent der Deutschschweizer und Romands würden sogar eine Verfassungsänderung befürworten, die eine explizite Ablehnung der Organspende verlangt. Im Normalfall könnten die Ärzte ohne weitere Abklärungen bei Verstorbenen Organe entnehmen.

Widerspruchslösung in diversen Ländern Europas in Kraft

Die Junior Chamber International (JCI) hat die eidgenössische Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten» lanciert, die genau das fordert. Aktuell läuft die Unterschriftensammlung. Die Initiative strebt eine Änderung der Bundesverfassung an. Mit der so genannten «Widerspruchslösung» soll jeder Erwachsene im Todesfall ein potenzieller Spender sein – ausser, er hat seinen Widerspruch zu Lebzeiten in ein offizielles Register eintragen lassen. Diese «vermutete Zustimmung» gibt es bereits in diversen Ländern Europas; so etwa in Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Belgien.

Angehörige lehnen in über 60 Prozent der Fälle ab

Aktuell müssen potenzielle Organspender in der Schweiz eine Organspende-Karte besitzen. Oder sie müssen schon zu Lebzeiten ihren Familienangehörigen die Zustimmung zur Organentnahme im Todesfall erklärt haben. Die Organspende-Karte füllen Sie bei Swisstransplant der nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation, aus oder bestellen sie per Post. Den Ausweis können Sie zudem via App auch auf ihr Smartphone herunterladen.

Gemäss unserer Umfrage besitzen nur 30 Prozent der Befragten einen Organspende-Ausweis. Das heisst: Bei den übrigen 70 Prozent, müssten die Angehörigen über eine Organentnahme entscheiden. Dieses Vorgehen finden 75 Prozent der Befragten zwar gut. In der Praxis erweist sich das Prinzip jedoch als nachteilig. Laut Swisstransplant lehnen nämlich Angehörige in über 60 Prozent der Fälle eine Organentnahme ab. Der Grund: Sie kennen den Willen des Verstorbenen nicht und fürchten, sich mit einer Zustimmung falsch zu verhalten.

Gesundheitszustand entscheidet über Organspende

Für eine Organspende kommen grundsätzlich alle Personen jeden Alters in Frage – entscheidend sind der Gesundheitszustand und die Funktionsfähigkeit der einzelnen Organe. Als Organspender kommen auch Kinder infrage. Ihre Organe werden primär Kindern zugeteilt. Bei Neugeborenen bis zu einem Alter von 28 Tagen wird aus ethischen und medizinischen Überlegungen auf die Organspende verzichtet.

Ein Spender muss mindestens fünf Jahre tumorfrei sein. Spender dürfen also nicht an einer aktiven Krebserkrankung leiden. Ausserdem darf keine Prionenerkrankung (z.B. Creuzfeldt-Jakob) oder eine nicht behandelbare Sepsis vorliegen. Organe von HIV-positiven Personen werden nur an HIV-positive Organempfänger transplantiert.

Form der Organspende bestimmt, was transplantiert wird

In der Schweiz wird zwischen drei Formen von Organspenden unterschieden:  

  • herztote Spender
  • hirntote Spender
  • lebende Spender

In der Schweiz ist das Eintreten des Hirntodes eine Voraussetzung für eine postmortale Organspende (Spende nach dem Tod). Der Hirntod gilt als eindeutiges Lebensende – das Gehirn ist gänzlich und irreversibel geschädigt. Der Herztod tritt ein, wenn das Herz nach einem Herzstillstand trotz Wiederbelebungsversuchen nicht mehr reanimiert werden konnte. Der Herztod führt zwangsläufig zum Hirntod. Von herztoten Spendern können – ausser dem Herzen – alle Organe entnommen werden. Lebende Spender können die Niere, einen Teil der Leber oder auch Blutstammzellen spenden. Solche Arten von Spenden werden meistens innerhalb einer Familie gemacht.

Mögliche Spenden

Swiss-Transplant führt eine Liste an Organen, Geweben und Zellen, die gespendet werden können. Dazu gehören:

  • Amnion
  • Augenhornhaut
  • Bauchspeicheldrüse
  • Blutgefässe
  • Dünndarm
  • Haut
  • Herz
  • Herzklappen
  • Knochen und Knorpel
  • Leber
  • Lunge
  • Nieren

Ausserdem regelt Swisstransplant in der ganzen Schweiz die Organzuteilung und führt eine zentrale Warteliste. Neben der Platzierung auf der Warteliste spielen bei der Zuteilung die Dringlichkeit und der medizinische Nutzen eine Rolle.

«Widerspruchslösung als Anreiz, sich Gedanken zu machen»

«Die Widerspruchslösung ist ein Anreiz für jeden von uns, sich über Organspenden Gedanken zu machen und sich dafür oder dagegen zu entscheiden», findet Comparis-Gesundheitsexperte Felix Schneuwly. «Wer das als Bevormundung oder gar Zwang zum Organspenden missversteht, sollte darauf verzichten, das eigene Leben je mit einem fremden Organ retten zu lassen.» 

Update im Oktober 2018: Neues Online-Register der Stiftung Swisstransplant

Swisstransplant veröffentlichte am 1. Oktober 2018 das «Nationale Organspenderregister» – ein digitaler Ersatz der Spenderkarte. Sind Sie in der Schweiz oder in Liechtenstein wohnhaft und über 16 Jahre alt? Dann können Sie sich online registrieren. Halten Sie fest, ob Sie Organe spenden möchten oder nicht, oder ob diese zu Forschungszwecken verwendet werden dürfen. Alternativ können Sie den Entscheid einer Vertrauensperson übertragen. Für das Online-Register gilt ausserdem:

  • Ihr Eintrag kann jederzeit bearbeitet werden.
  • Sind jegliche Therapieversuche aussichtslos und ist der Abbruch der Behandlung festgelegt? Erst dann erhalten Fachpersonen im Spital Zugang zu Ihren Daten.
  • Vorher hält die Stiftung Swisstransplant Ihre Daten unter Verschluss.

Organspende – Ja oder Nein?

Diese Frage ist für alle einen Gedanken wert. Es gibt gute Gründe, mit Ihren Angehörigen oder engen Freunden darüber zu sprechen:

  • Ihnen zuliebe:

    Entscheiden Sie selbst, was mit Ihrem Körper passiert.

  • Ihren Angehörigen zuliebe:

    Teilen Sie Ihre Gedanken und Entscheidungen mit Ihren Liebsten. Sie sollen Ihren Willen kennen, um zum gegebenen Zeitpunkt in Ihrem Sinne handeln zu können.

  • Dem Leben zuliebe:

    In der Schweiz brauchen und warten viele Menschen auf ein Organ. Wer sich für eine Organspende entscheidet, kann Leben retten.

Wer sich im Detail über Organspende erkundigen möchte, findet auf Swisstransplant und Leben-ist-Teilen weitere nützliche Informationen zu Spende, Spendekarte und Co.

 

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