Gesundheit & Prävention

Gesundheitsinformationen im Internet: Prof. Guttormsen zeigt, was Sie beachten sollten

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Frau Prof. Guttormsen, Ordinaria für medizinische Lehre und Direktorin des Instituts für Medizinische Lehre (IML) an der Medizinischen Fakultät in Bern, gibt spannende Antworten zum Thema «Informationskompetenz».

Interview zum Thema «Informationskompetenz»

Frau Prof. Guttormsen, in Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit dem Thema Lernprozesse und Informationskompetenz. Was versteht man unter «Informationskompetenz»?

Informationskompetenz ist ein Begriff, der häufig an Hochschulen oder in den Bibliothekwissenschaften verwendet wird, um den individuellen Umgang mit und den Zugang zu Informationen zu beschreiben. Unter den vielen existierenden Definitionen gefällt mir die folgende am besten: «Informationskompetenz ist ein Prozess, der zu einem kritischen Umgang mit Information anregen soll und wesentlich zum lebenslangen Lernen in unserer Informationskultur beiträgt.» (Quelle: informationskompetenz.ch)

Der Zusammenhang mit dem Lernprozess wird dabei unterstrichen und es wird vermittelt, dass Information an sich kein objektives Gut ist, sondern erst durch kritische Reflexion eine individuelle und kulturelle Bedeutung erlangt.

Könnten Sie Ihre wichtigsten Forschungserkenntnisse im Bereich Informationskompetenz in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Hierbei möchte ich die Lernaspekte betonen: Lernen ist ein individueller und aktiver Prozess. Wir lernen nicht durch die blosse Verfügbarkeit von Informationen (Lernstoff). Vielmehr lernen wir erst, wenn wir Informationen in ihren einzelnen Einheiten identifizieren, mit unseren vorhandenen Erfahrungen verknüpfen und durch aktive Auseinandersetzung alte und neue Informationsbausteine zu etwas Neuem integrieren können. Erst, wenn wir diesen Prozess wieder und wieder durchlaufen, lernen wir. Das ist für den Einzelnen harte Arbeit. Gelernt haben wir dann, wenn wir unsere neuen Wissensbausteine auch in unseren Alltag, in der Arbeit und als Gesellschaft umsetzen können. Lernen zeigt sich durch beobachtbare Veränderung, sei es individuell oder in der Gesellschaft.

Können Sie uns dazu ein Beispiel geben?

Ein historisches Beispiel ist die Entdeckung, dass Keime durch Hautkontakt übertragen werden können und die darauffolgende Bedeutung und Durchsetzung der Händedesinfektion im Spitalalltag.

Inwiefern ist die Informationskompetenz im Gesundheitsbereich speziell bzw. unterscheidet sich diese von anderen Bereichen?

Wissen verändert sich schnell. Gerade in der Medizin verstärkt sich diese Entwicklung noch. Es wird an allen Fronten sehr aktiv geforscht, therapeutische Möglichkeiten ändern sich im Laufe eines Berufslebens mehrmals.  Es wird von einer Halbwertzeit medizinischen Wissens von wenigen Jahren ausgegangen. Ich kenne kein anderes Gebiet, wo der Begriff «Life-Long-Learning» (LLL) so wörtlich zu nehmen ist wie in der Medizin. Dazu kommt, dass die Verantwortung für das LLL in den Medizinal- und Gesundheitsberufen zunehmend auch eine Eigenverantwortung ist. Strukturierte Bildungsangebote allein können den kontinuierlichen Lernbedarf nicht decken.

Woran erkennt man als Laie, ob Gesundheitsinformationen vertrauenswürdig und von hoher Qualität sind?

Das kann man basierend auf Informationen allein als Laie schwer erkennen. Man muss zwischen vertrauenswürdigen und wenig bis nicht vertrauenswürdigen Quellen unterscheiden. Das ist für Laien zunehmend schwierig, da Suchmaschinen im Internet nicht nach Vertrauenswürdigkeit filtern können. Idealerweise hat man eine Vertrauens-Fachperson, die die Relevanz und Richtigkeit der Information bestätigen kann. Grundsätzlich dürfen in der Schweiz staatliche Einrichtungen als vertrauenswürdige Quellen erachtet werden.

Inwiefern gibt es Unterschiede in der Informationskompetenz bei Digital- und Printmedien?

Ich verorte Informationskompetenz nicht bei den Medien, sondern bei den Konsumierenden. Heute gibt es wenige Medien, die ausschliesslich im Printformat erscheinen. Auch Zeitungen kämpfen mit der digitalen Transformation. Durch das Internet sind Informationen allgegenwärtig, traditionelle Abonnemente gehen zurück. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir auch in der Wissenschaft, wo Online-Journals stark am Kommen sind. Gerade weil es in der heutigen Zeit einfacher geworden ist, Informationen frei zu veröffentlichen, ist die Informationsqualität ein kritischer Faktor geworden. Mehr denn je muss man Informationen kritisch hinterfragen. Ich mache da keinen Unterschied zwischen Papier- oder digitalen Medien.

Was halten Sie von Tools, die Krankheitssymptome prüfen und auf Basis dessen eine Empfehlung liefern? 

Elektronische Unterstützung für die Diagnosestellung hat sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für Ärzte grosses Potenzial. Es ist aus meiner Sicht eine sinnvolle Entwicklung, unter der Voraussetzung, dass auch die kritischen Aspekte beachtet werden. Ein aktueller Artikel im Deutschen Ärzteblatt gibt dazu eine gute und unkomplizierte ÜbersichtEines der bekanntesten Tools für die Diagnoseüberprüfung aktuell ist ADA. Das Unternehmen hat es verstanden, Basisinformationen, die auf die Qualität des Tools hindeuten, auf seiner Website prominent darzustellen. Diese Kriterien sind auch eventuell für die Beurteilung anderer Tools hilfreich.

Was sind die Nachteile elektronischer Tools?

Elektronische Tools suggerieren schnell, dass mehr «Kompetenz» vorhanden ist, als das Tool wirklich besitzt. So sind die verwendeten Algorithmen und die Wissensbasis des Tools nicht immer transparent einsehbar oder für Laien verständlich. Diagnosetools können nicht eine kompetente Fachperson bei der Feststellung der Diagnose oder beim Lösungsfindungsprozess für die Behandlungsplanung ersetzen. Schliesslich können gute Kommunikation und Fertigkeiten in der praktischen klinischen Arbeit nicht durch Tools allein übernommen werden.

Was heisst das für die Patientinnen und Patienten?

Für Patientinnen und Patienten besteht die Herausforderung darin, Symptome vollständig und genau einzugeben. Das System kann nur mit dem umgehen, was auch eingegeben wird. Irreführende Diagnosevorschläge können sowohl für falsche Sicherheit wie zu unnötigen Ängsten führen. Weitere Fragen zur Handhabung der persönlichen Patientendaten bleiben aktuell offen.

Was können Computer bzw. Tools und was können Menschen bzw. Experten besser?

Ich empfehle, sofern diese Frage klar beantwortet werden kann, die Arbeitsteilung Mensch vs. Computer entsprechend aufzuteilen bzw. zu ergänzen. Was die Leistung eines Diagnosetools betrifft, ist die Zeit noch nicht reif, um dazu eine allgemeine Antwort zu geben.

Könnten Sie ein paar Beispiele nennen, wo Internetbenutzende besonders oft irreführenden Informationen vertrauen – aufgrund mangelnder Informationskompetenz im Gesundheitsbereich?

Das Impfen ist ein klassisches Beispiel. Wem vertraut man eher: emotionalen Botschaften von Gleichgesinnten, die unsere Ängste teilen, oder trockenen wissenschaftlichen Zahlen und Erkenntnissen von unnahbaren Experten? Erfahrungsberichte und Meinungen gibt es im Internet viele, wissenschaftliche Erkenntnisse sind für Laien oft nicht leicht verständlich oder nur schwer zugänglich. Sie sind oft für andere Experten geschrieben und sprachlich i.d.R. nicht so formuliert, dass Laien die Informationen differenziert verstehen können.

Wie kann man seine eigene Informationskompetenz testen?

«Informationskompetenz» ist kein eindeutiges Konzept; so gesehen kenne ich keinen allgemeinen Test dazu. Es gibt viele Testmöglichkeiten auf allen Bildungsstufen, z.B. die PISA-Studien für die Grundschule zeigen nationale Sichtweisen. 

Informationskompetenz kann nicht unabhängig vom Ausbildungsstand und von einem speziellen Themenkreis verstanden werden. Verschiedene Ausbildungsrichtungen haben dafür eigene Tests entwickelt.

Könnten Sie dazu ein Beispiel nennen?

Für Medizinstudierende gibt es verschiedene «Progresstests» oder Selbsttests, die als Teil des Lernprozesses eingesetzt werden können, um den eigenen Wissensstand zu prüfen. Geprüft wird dabei, wo die Person mit ihrem aktuellen Wissen im Vergleich zu dem steht, was z.B. für die nächste Prüfung oder für den Studienabschluss erwartet wird. Entsprechend kann die Energie gezielt für das Lernen investiert werden, um erkannte Lücken zu schliessen. Beispiel: EBMA International Progress Testing.

Wie kann man das auf den Alltag übertragen?

Im Alltag prüfen wir gerne eigene Meinungen und Wissen im Austausch mit anderen. Manchmal wird die Bestätigung für eigene Standpunkte dort gesucht, wo man auch erwartet, die Bestätigung zu erhalten, anstatt diese mit anderen Standpunkten zu vergleichen (Stichwort «Fake News»). Somit sind wir zurück bei der am Anfang gestellten Frage: Sind wir bereit, Informationen kritisch zu hinterfragen, eigene Informationslücken zu erkennen und uns für neue Erkenntnisse und Wissen zu öffnen?

Was kann man unternehmen, um die eigene Informationskompetenz zu steigern?

Die oben gestellte Frage mit «Ja» zu beantworten ist sicher ein wichtiger erster Schritt: Bin ich bereit, Informationen kritisch zu hinterfragen, eigene Informationslücken zu erkennen und mich für neue Erkenntnisse und Wissen zu öffnen?

Es ist eine Haltungsfrage, das «LLL» zum eigenen Ziel zu machen. Welchen Weg man wählt und welche Möglichkeiten vorhanden sind, sind sicher sehr individuell.

Welche Tipps können Sie unseren Nutzern mit auf dem Weg geben, damit sie qualitativ hochwertige Informationen besser und einfacher erkennen?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können die Güte von Informationen durch eine Reihe von Kriterien erkennen, die im übertragenen Sinn auch für Laien nützlich sind, z.B.:

  • Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit: Um Informationsqualität zu erkennen (und um die Information zu nutzen) muss man die Information auch vollständig verstehen.
  • Objektivität: Die Information lässt sich unabhängig vom Informationsgeber prüfen und bestätigen, bzw. mehrere unabhängige Quellen berichten in vergleichbarer Weise.
  • Ehrlichkeit: Es besteht kein wirtschaftlicher Vorteil von Informationsgebern, wenn der Empfänger die Information beachtet (z.B. versteckte Werbung).
  • Wissenschaftlichkeit: Informationen über neue Erkenntnisse müssen nachweislich auf wissenschaftlich erhobenen Daten beruhen (z.B. Reliabilität und Validität). Dies ist für Laien meist schwierig zu prüfen.

Über Prof. Dr. phil. Sissel Guttormsen Schär

GUTTORMSEN SCHAER Sissel, Bern (CH)

Direktorin des Instituts für Medizinische Lehre

Sissel Guttormsen ist seit 2005 Ordinaria für medizinische Lehre und Direktorin des Instituts für Medizinische Lehre (IML) an der Medizinischen Fakultät in Bern.

Das IML ist ein interdisziplinäres und interprofessionelles Kompetenzzentrum für medizinische Lehre an der Universität Bern, das in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern forscht, entwickelt und lehrt. Die Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte des IMLs umfassen die Bereiche Assessment, Evaluation, innovative Lehre und Lernumgebungen sowie Computer-unterstützte Lehre und Assessment.

Sissel Guttormsen setzt sich auf fakultärer, nationaler und internationaler Ebene in verschiedenen Gremien für die optimale Organisation und Förderung der Qualität der Lehre unter Einbezug von neuen Technologien ein.

Ausbildung, beruflicher Werdegang und Forschungsschwerpunkte

Sissel Guttormsen studierte Philosophie, Psychologie und Statistik an der Universität in Oslo, Norwegen. Ihre PhD-Zeit erfolgte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie, wo sie auch als Forschungsgruppenleiterin der Gruppe «Mensch-Maschine Interaktion» tätig war. Sie hat 2004 die Habilitation für ihre Forschung im Bereich Multimedia-Didaktik erhalten.

Ihre Forschungsinteressen umfassen das Lehren und Lernen in den Medizinal- und Gesundheitsberufen und sind in der kognitiven Wissenschaft und angewandten Forschung in Verbindung mit technologie-unterstützten Lösungen verankert. Ihre zahlreichen Publikationen verdeutlichen den Zusammenhang zwischen Forschung und Anwendung bei e-Learning, e-Assessment, Interaktions- und Media Design sowie Evaluation.

 

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