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Blockchain: Konkurrenz für Banken und Versicherungen?

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Die Blockchain bietet für Banken und Versicherungen viele Opportunitäten. Bild: iStock.com/imaginima

Erfunden wurde die Blockchain als Buchhaltung für die Kryptowährung Bitcoin. Die dezentrale Datenbank kann eine ganze Währung verwalten – und die Anteile an ihr, die Coins. Doch das ist längst nicht alles. Die Blockchain hat noch mehr zu bieten. Entsteht auf ihr die Konkurrenz für Banken und Versicherungen?

Bankkonten auch ohne Bank führen – auf der Blockchain ist das theoretisch möglich. Ebenso denkbar ist das für viele andere Produkte von Banken und Versicherungen. Vor allem für solche, die heute schon vollständig digitalisiert sind.

Tausende junger Unternehmen der Branchen Fintech und Insurtech arbeiten weltweit dran, dass das keine Theorie bleibt. Sondern dass auch ganz praktisch die ersten Produkte auf der Blockchain entstehen. 

Im Grunde kann die Blockchain alles, was traditionelle zentrale Datenbanken auch können. Nur eben ohne eine Institution in der Mitte. Vieles, wofür wir heute Banken und Versicherungen in Anspruch nehmen, braucht gar keine grossen Firmen im Hintergrund. Man kann es auch auf der Blockchain machen. 

Blockchain kann alles, was es braucht

Eigentum sichern. Versprechen garantieren. Vertrauen stiften. Das ist, was Banken und Versicherungen mit ihren Leistungen anbieten. Die Blockchain kann all das auch. Schauen wir uns die Bausteine einmal an:

Eigentum: Die Blockchain sorgt für Klarheit, wem was gehört. So sichert sie Eigentum. Dafür steht ein Token. Das ist ein Anteil an dem digitalen Asset. Zum Beispiel ein Anteil an einer Währung wie Bitcoin. An einem Hedgefonds wie bei Melon. An einem Porsche wie bei Tend. An einer Mietkaution wie bei Bee. An einem Leasing-Auto wie bei Everledger. Und natürlich – fast so wie Aktien – ein Anteil an einer Firma. Wie zum Beispiel an den vier Firmen aus diesem Absatz. Die meisten Blockchain-Start-ups finanzieren sich nämlich auch über die Blockchain. Sie verkaufen ihre eigenen Tokens an Investoren.

Versprechen: Versprechen werden eher gehalten, wenn sie aufgeschrieben sind. Deswegen macht man Verträge. Man kann sogar erzwingen, dass sie eingehalten werden. Auf der Blockchain sorgen dafür Smart Contracts. Wenn Sie arbeiten, bekommen Sie Lohn. Wenn Sie keine Zeit erfassen, bekommen Sie keinen Lohn. Die digitalen Verträge auf der Blockchain funktionieren vollautomatisch von der Eröffnung bis hin zur Zahlung. Solche Wenn-Dann-Bedingungen sind die Basis der meisten Versicherungen. Diese Vorgehensweise könnte man auch auf traditionelle Versicherungen übertragen wie z.B. Autoversicherungen: Wer nicht zahlt, fährt nicht. 

Vertrauen: Wenn alle Beteiligten sich kennen, kann Vertrauen wachsen. Wenn sie sich nicht kennen, helfen vertrauenswürdige Dritte. Der Staat gibt ihnen zum Beispiel eine ID und einen Pass, damit können sie sich ausweisen. Identität beweisen – das kann die Blockchain auch. Und darüber hinaus kann sie auch sonst alles nachweisen, was man in einer Datenbank sammeln kann. Haben Sie immer pünktlich bezahlt? Halten Sie für gewöhnlich Ihre Versprechen? Mit solchen Informationen entsteht auf der Blockchain ein Kreditrating wie bei Bloom oder Wetrust.

Hinter den Links in den letzten Absätzen entdecken Sie spannende Geschäftsmodelle. Viele von denen sind noch nicht marktreif. Einige sind sogar blosse Konzepte. Manche Anbieter sind aber auch schon weiter. Schauen wir uns ein paar konkrete Angebote aus der Welt der Versicherungen und der Banken mal im Detail an.

Konkurrenz für Versicherungen

Anfang 2018 ist noch kein Versicherungsprodukt in der Blockchain auf dem Markt. Nur wenige Anbieter stehen kurz vor dem Markteintritt. In der Branche Versicherungen schauen wir darum vor allem auf das Potenzial der Geschäftsmodelle:

Dynamis: Zusatzversicherung für Arbeitslosigkeit. Schöne Grundidee: Aus Ihrem Netzwerk bei Linkedin errechnet die Software, wie gefragt Sie als Arbeitnehmer im Markt sind, und wie gross Ihr Risiko, arbeitslos zu werden. Mit anderen Interessenten versichern Sie sich dann gegenseitig Peer-to-Peer. Von der Fachpresse hochgelobt, vorerst in den Kinderschuhen stecken geblieben.

Insurepal: Autoversicherung mit Rabatt. Und das nicht erst, wenn Sie jahrelang schadenfrei gefahren sind. Sondern gleich. Wenn jemand anders an Sie glaubt und für Sie bürgt – mit echtem Geld. Das ist die Idee hinter Social Proof, dem Konzept von Insurepal. Bei einem Token Sale im Januar 2018 hat das Start-up 18 Millionen Dollar Startkapital eingesammelt. Wann die Autoversicherung und weitere Policen auf den Markt kommen, ist noch unklar.

Etherisc: Ernteversicherung und Flugverspätung. Das kann man simpel als Smart Contract formulieren: Wenn Flug vier Stunden verspätet, dann 400 Franken. Oder: Wenn weniger als 10 Regentage, dann Dürre, also 100 Franken pro Hektar. Solche Bedingungen nennt man parametrisch, da bleiben keine Ermessensfragen – es muss also auch kein Mensch entscheiden. Die Flugversicherung funktioniert bereits: Erste Markttests waren erfolgreich, die Markteinführung ist noch dieses Jahr geplant.

Versicherung auf der Blockchain – das läuft noch harzig. Dies liegt aber nicht zwingend an der Blockchain, sondern eher an den Geschäftsprozessen der Branche. Persönliche Beratung ist noch immer üblich. Und bei der Schadenabwicklung entscheidet fast immer ein Mensch.

Kaum eine Versicherung erledigt jeden Schritt automatisch. Eine Ausnahme ist Lemonade. Bei dieser Hausratversicherung geht alles digital: von der Offerte über den Abschluss bis hin zur Schadenabwicklung. Mit viel künstlicher Intelligenz, aber ohne Blockchain.

Konkurrenz für Banken

Je simpler die Leistung, desto schneller kommt sie auf die Blockchain. Bei Auslandsüberweisungen haben Banken und Western Union darum schon heftig Konkurrenz bekommen. Bei komplexeren Produkten geht es im Banking auch nicht viel schneller voran als in der Versicherungsbranche.

Rebit: Geld nach Hause schicken – englisch: Remittance. Aus fast jedem Land der Welt auf die Philippinen geht das mit Rebit viel günstiger als mit einer klassischen Auslandsüberweisung von Banken. Sogar, wenn der Empfänger kein Konto hat. Die Auszahlung erfolgt, wenn gewünscht, auch mit Bargeld. Dafür wird jede Garküche oder jeder Kiosk zum Bankschalter. Alle Transaktionen sind immer transparent erfasst in der Blockchain. Ähnliche Dienste bieten Bitpesa, Bitspark und viele andere.

Tend: Investieren in Sammlerstücke. Tend macht Sharing-Economy für alle, die sich alleine keinen Picasso oder einen Weinberg leisten können oder wollen. Über ein Token können sie diese oder andere Sachwerte gemeinsam besitzen. Die Miteigentümer profitieren so von der Wertsteigerung. Sie müssen aber auch den Unterhalt gemeinsam bezahlen – das erzwingt ein Smart Contract. Der erste Sachwert, der zum Token wird, ist ein Porsche 356, Baujahr 1956.

Wetrust: Gegenseitige Kredite und Mietkautionen. Wetrust bietet auf der Blockchain vor allem eine Plattform für Transparenz und Vertrauen. Die Produkte auf dieser Plattform entstehen mit Partnern. Die erste Dienstleistung ist bereits live: Trusted Lending Circles. Hier finden Anleger und Gläubiger zusammen, um sich ohne Bank Geld zu leihen. Mit dem Partner Bee ist ausserdem eine Mietkaution für Ferienwohnungen in Entwicklung.

Wie schnell werden Konzerne überflüssig?

Noch gibt es erst wenige Produkte am Markt. Das wird sich auch nicht gleich morgen schon ändern. Aber trotzdem geht Innovation wie immer vermutlich schneller, als wir es uns vorstellen. Technisch sind die Voraussetzungen da, um die Leistungen von Banken und Versicherungen Stück für Stück zu ersetzen – eine nach der anderen.

Zahlungen sind einfach. Auch Assets lassen sich leicht digital codieren. Banking dürfte schnell viel Konkurrenz auf der Blockchain finden.

Verträge lassen sich in Smart Contracts fassen. Also im Grunde auch jede Versicherungspolice. Vor allem einfache Produkte dürften bald aus der Blockchain kommen.

Komplexere Produkte aus beiden Branchen werden wohl noch etwas länger auf sich warten lassen. Und auch Regulierung erschwert den Start für die Unternehmen der Blockchain. 

Denn wo es ums Geld seiner Bürger geht, redet der Staat mit. Er prüft Banken und Versicherungen beim Markteintritt und beaufsichtigt sie laufend. Er sorgt als zentrale Instanz dafür, dass wir den Marktteilnehmern vertrauen dürfen. Die Hürden für Start-ups sind hoch.

Denn was ist, wenn ich erst Jahre später herausfinde, ob mein Gegenüber tatsächlich leistet, was es behauptet? Vertrauen wächst über Jahre. Oft zu Recht. Manchmal zu Unrecht, wie wir in der letzten Finanzkrise gesehen haben. Es muss auch in vielen Jahren noch Bestand haben.

Selbst Regulierung würde dezentral funktionieren: Mit viel Transparenz und gegenseitiger Kontrolle kann die Blockchain Vertrauen herstellen. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis wir der Blockchain vertrauen, dass sie ihr Versprechen auch wirklich hält.