Elektromobilität

Reichweite: Keine Angst vor dem Winter

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Selbst mit kaltem Akku im Winter: Für den Alltag reicht die Reichweite. Bild: iStock

Elektrisch fahren ist umweltfreundlich, wenn der Strom aus erneuerbarer Energie stammt. Und die Beschleunigung macht Spass. Kein Wunder, liegen Elektroautos im Trend. Die Verkaufszahlen steigen. In der Schweiz sind vor allem Modell S und Modell X von Tesla, Renault Zoe und BMW i3 beliebt. Ein Thema allerdings bereitet Kopfzerbrechen – die Reichweite.

Komme ich mit meinem Elektroauto überall hin? Wie weit reicht die Füllung meiner Batterie? Werde ich an meinem Ziel laden können? Sogar ein eigenes Wort dafür gibt es inzwischen: Reichweitenangst.

Nie so weit wie beworben

Die Hersteller messen die Reichweite in einem Normzyklustest mit Spezialregelungen. Da wird ohne Licht gefahren und ohne Heizung. Und mit viel zu wenig Vollgas. Diese Annahmen sind unrealistisch. In der Praxis kommen Elektroautos nie so weit, wie der Hersteller angibt. Ein Drittel müssen Sie abziehen – das ist schon im Sommer das Ergebnis vieler Praxistests.

Im Winter noch weniger Reichweite

In der kalten Jahreszeit kommt dann die Stunde der Wahrheit. Die Heizung allein verbraucht ein bis zwei Kilowattstunden pro 100 Kilometer. Ausserdem geben Akkus, wenn sie kalt sind, erst noch weniger Leistung ab. Die deutsche Zeitschrift Autobild hat darum zu Beginn des Winters 2017 einige der meistverkauften Elektroautos über einen realistischen Parcours geschickt.

Infografik zu Elektroautos im Winter. Verschiedene Modelle kommen unterschiedlich weit.

Praxistest über 143 Kilometer

43 Kilometer Autobahn, 18 Kilometer Stadtverkehr und zum Schluss 82 Kilometer Landstrasse – das sind insgesamt 143 Kilometer. Diese Strecke müssten eigentlich alle Modelle im Test schaffen. Mindestens 160 Kilometer Reichweite versprechen die Hersteller.

Die beiden Kleinstwagen im Testfeld scheitern an dieser Aufgabe. Der Smart Fortwo Electric Drive fährt 84 statt 160 Kilometer weit, der VW E-Up 79 statt 160. Beide schaffen nur die Hälfte der Werksangabe. Die Tester fahren den Akku leer und lassen sich zum Laden abschleppen.

Weniger Einbussen finden die Tester im Mittelfeld. Die Kandidaten dort schaffen es im Schnitt auf zwei Drittel der Normreichweite. Der VW E-Golf fährt 208 Kilometer von den beworbenen 300, der Hyundai Ioniq schafft 192 statt 280 Kilometer, der Kia Soul bringt es auf 167 von den beworbenen 250 Kilometern.                                          

Grosse Abweichungen entdecken die Tester dann wieder bei den Reichweitenstars: Der Renault Zoe kommt auf 244 statt 400 Kilometer, der Opel Ampera-e schafft 273 Kilometer statt der beworbenen 520.

Mindestens ein Drittel müssen Sie immer von der Reichweite abziehen. Im Winter noch mehr. Rechnen Sie für Ihr Elektroauto im Winter besser nur die halbe Reichweite. Dann kommen Sie sicher ans Ziel – oder wissen, wann Sie eine Ladestation brauchen.

Unterwegs laden ist mühsam

Aufladen für Elektroautos dauert länger als der Tankstopp für Verbrenner. Rund zwanzig Minuten Pause müssen sein für eine Aufladung von 80 Prozent – und das auch nur mit der Schnellladeoption. Die ist bei luxuriöseren Modellen zum Teil serienmässig, bei vielen der Kleinwagen aus dem Test nur gegen einen spürbaren Aufpreis erhältlich. Die Zahl der Ladestationen wächst zwar stark. Anfang 2018 gibt es an knapp 3’000 Stationen in der Schweiz fast 8’000 Anschlüsse. Doch noch immer finden Sie längst nicht überall eine Station, wo Sie gerade eine brauchen.

Infografik zu Anzahl Ladestationen in der Schweiz. Auf Jahr und Quartal dargestellt.

Auf jeden Fall zu Hause laden

Jeden Abend zu Hause einstecken und über Nacht voll aufladen: Das ist Pflicht. Dafür brauchen Sie einen festen Parkplatz und einen leistungsfähigen Stromanschluss mit Ladestation. Die Wallbox für den Privatgebrauch braucht nicht zwingend Starkstrom und auch keine Schnellladefunktion, denn für den Ladevorgang bleibt ja die ganze Nacht Zeit. 

So eine simple Ladebox gibt es für unter 1000 Franken. Hinzu kommt noch die Installation durch einen Elektriker. Wenn Sie im eigenen Einfamilienhaus wohnen, erteilen Sie einfach den Auftrag. Mieter brauchen noch eine Bewilligung vom Vermieter; Stockwerkeigentümer die Zustimmung der Eigentümergemeinschaft.

Wenn Sie jede Nacht zu Hause laden, dann gewinnen Sie einen grossen Vorteil gegenüber den Verbrennern: Sie müssen nie wieder an eine Tankstelle. Nicht einmal für zwei Minuten. Wenn Sie starten, ist Ihr Auto immer bereits vollgetankt – äh, aufgeladen. Mit der ganzen Reichweite.

Fragt sich nur: Reicht Ihnen die Reichweite?

Zur Arbeit reicht es für fast jeden

Das Bundesamt für Statistik sagt: Mehr als die Hälfte aller Berufspendler fährt mit dem Auto zur Arbeit. Der mittlere Arbeitsweg ist knapp 15 Kilometer lang. Hin und zurück macht das 30 Kilometer, das schaffen auch die letztplatzierten Elektroautos im Testfeld locker. Ist Ihr Arbeitsweg länger als 40 Kilometer für die einfache Strecke? Dann müssen Sie bei der Reichweite genau hinsehen. Smart Fortwo und VW E-Up, die beiden Kleinstwagen im Test, kommen damit bereits an ihre Grenzen.

Für einen Skitag wird es knapp

Am Wochenende in die Flumserberge. Vom Büro bei Comparis in Zürich-Wiedikon bis zur Talstation Unterterzen sind es 72,4 Kilometer, sagt Google Maps. Uff. Das reicht. Mit den Reichweitenstars wie dem Ampera und dem Zoe sogar für hin und zurück. Mit den beiden Kleinstwagen sollte wenigstens der Hinweg klappen. Wenn auch nur knapp – da darf unterwegs nichts schiefgehen. Für den Rückweg allerdings müssen wir laden. Und zwar ganz voll, nicht nur eine 80-Prozent-Schnellladung. Wenn wir das Auto sowieso den ganzen Tag abstellen, dann sollte das möglich sein.

Genau an der Talstation gibt es dummerweise keine Ladestation. Aber das Resort Walensee hat eine, über die App Chargemap könnten wir sogar reservieren. Swisscharge, eine andere App, findet eine andere Station, an der Mehrzweckhalle Unterterzen. Leider lässt sich die nicht reservieren. Ob wir doch besser über Nacht bleiben – und ein Hotel mit Ladestation buchen? Oder doch lieber gleich ÖV fahren?

Zu Ikea sollte für jeden passen

Einkaufen auf der grünen Wiese, vor allem bei Ikea: unvorstellbar ohne Auto. Etwas kauft man ja immer. Und wie das dann transportieren? Von Zürich-Wiedikon sind es zu Ikea in Spreitenbach nur 32 Kilometer hin und zurück. Kein Problem also, selbst mit den Kleinstwagen im Test. Aber vielleicht ist Ihr Weg weiter? Dann ist es gut zu wissen, dass Sie bei Ikea Ihr Elektroauto auch laden können. Mit vollen 22 Kilowatt. Und sogar gratis. Das ist darum auch beliebt – manchmal sind alle Plätze besetzt. Reservieren können Sie die Ladestationen leider nicht.

Mailand wird mühsam

Bis zum Dom in Mailand sind es 280 Kilometer. Das schafft im Winter keines der Autos im Test mit nur einer Batterieladung. Das bedeutet: Gut planen, wo es unterwegs eine Ladestation gibt. Am besten bereits im Vorfeld.

Die meisten Ladestationen bieten Starkstrom. An diesen Anschlüssen zapfen Sie oft 22 Kilowatt oder mehr. Hat Ihr Auto eine Schnellladeoption, dann ist Ihr Akku in weniger als einer halben Stunde schon wieder voll genug zum Weiterfahren.

Elektroautos: Perfekt für kurze Distanzen

Für den Alltag reichen die Reichweiten von allen modernen Elektroautos. Die kurzen Distanzen schaffen auch die kleinsten von ihnen. Selbst im Winter. Für den Alltag braucht es keine aufpreispflichtige Schnellladeoption im Auto. Sehr sinnvoll ist aber eine Ladestation zu Hause. 

Wenn Sie weitere Ausflüge machen oder sogar echte Reisen unternehmen wollen, dann müssen Sie Ihre Strecken gut planen. Suchen Sie am besten mit mehreren Apps nach Ladestationen – nicht alle Anbieter zeigen alle Stationen. Fürs Laden unterwegs braucht das Auto die Schnellladeoption. Ohne geht es erst Stunden später weiter. Mit ist das Laden in einer Kaffeepause erledigt.